Diskriminierung als eine gesellschaftliche Realität anerkennen

Interview mit Eva Maria Andrades, Antidiskriminierungsverband Deutschland

Vielen Dank für die Möglichkeit eines Interviews, Frau Andrades! Love HR, hate Racism hat sich das Ziel gesetzt, eine Plattform für Personaler*innen und andere Entscheider*innen in Unternehmen zu bilden, die sich klar gegen Rechts und gegen Diskriminierung positionieren wollen. Als Geschäftsführerin des Antidiskriminierungsverbands Deutschland setzen Sie sich jeden Tag gegen Diskriminierung ein. Wie sieht eine typische Arbeitswoche bei Ihnen aus?

Im Moment bin ich, wie so viele Menschen coronabedingt im Homeoffice und versuche den Spagat zwischen Kinderbetreuung und Job zu meistern. Kein Zuckerschlecken…ansonsten bin ich beim Antidiskriminierungsverband Deutschland (advd) verantwortlich für die Geschäftsführung und leite ein Team von 5 Personen. Wir sind der Dachverband von unabhängigen Antidiskriminierungsberatungstellen. Wir organisieren den fachlichen Austausch unter den Akteur*innen, wir entwickeln das Berufsfeld weiter und setzen uns für die Verbesserung des rechtlichen Diskriminierungsschutzes und der Beratungsstrukturen ein. Alles in allem besteht meine tägliche Arbeit in erster Linie in der Kommunikation. Per E-Mail, Videokonferenzen, telefonisch, in Meetings. Überblick behalten, delegieren, und Positionen beziehen. Wir erhalten sehr viele Anfragen für Interviews, Schulungen, Vorträge und Netzwerkarbeit, denen ich gerne nachkomme soweit möglich.  Dann bin ich Inputgeberin, Politikberaterin und leite hin und wieder Workshops und Seminare.

Welche Rolle spielt Diskriminierung am Arbeitsplatz in Ihrer Arbeit?

Eine sehr große Rolle natürlich. (Anti)Diskriminierung ist unser Kernthema. In der Beratungspraxis unserer Mitgliedsorganisationen geht es sehr häufig um Diskriminierung am Arbeitsplatz. Wir beschäftigen uns daher intensiv mit diesem Thema aus der Perspektive von Betroffenen und den Beratungsstellen.

Das ist ein Schatz an Wissen und Erfahrungen, wenn es darum geht, wie im Arbeitsbereich Diskriminierung geschieht und was geändert werden muss. Aus diesem Wissen heraus entwickeln wir Positionen zum Thema Diskriminierungsschutz und setzen uns beispielsweise für eine Reform des AGGs ein sowie der Professionalisierung von Arbeitgebenden im Umgang mit Diskriminierung am Arbeitsplatz.

Für uns als Verband ist es klar, wie wichtig es ist, eine Vielfalt von Perspektiven im Team vertreten zu haben und achten bei der Einstellung neuer Kolleg*innen auf unterschiedliche Positionierungen und Repräsentanz.

Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung zu einem zentralen Thema im Unternehmen machen

Wie kann man als Arbeitgeber*in aus Ihrer Sicht Diskriminierung am Arbeitsplatz vorbeugen? Was braucht ein Unternehmen um sich gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz zu schützen?

Das Wichtigste: Diskriminierung als eine gesellschaftliche Realität anerkennen und Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung zu einem zentralen Thema im Unternehmen machen. Dafür ist es notwendig ein Verständnis von Diskriminierung zu entwickeln. Zum Beispiel denken viele nach wie vor, Diskriminierung müsse immer absichtlich geschehen. Das stimmt nicht. Diskriminierung braucht keine Absicht, keinen Vorsatz, keine Schuld. Es ist dann Diskriminierung, wenn es im Effekt zu einer ungerechtfertigten Ungleichbehandlung führt. Und Diskriminierung kann auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene geschehen. Es ist wichtig auf alle Ebenen zu schauen und Maßnahmen zu entwickeln.

Es muss allen klar sein im Unternehmen, dass hier keine Diskriminierung geduldet wird, dass es ernst gemeint ist. Und das muss sich dann in konkreten Maßnahmen, Strukturen und im Handeln bei Diskriminierungsbeschwerden widerspiegeln.

Manchmal findet Diskriminierung und sogenannter Alltagsrassismus ja auf einer sehr leisen, impliziten Ebene statt. Wie bekomme ich das als Arbeitgeber*in oder Personaler*in überhaupt mit?

Ich denke, dass auch subtile Diskriminierung durchaus bekannt ist, aber nicht als solche erkannt wird oder nicht ernst genommen wird („War doch nur ein Spaß“, „Sei doch nicht so empfindlich“) .

Sensibilisierung ist wichtig, und es ist wichtig klare Kante zeigen und zu kommunizieren, dass dieser „Spaß“  nicht geduldet wird. Gleichzeitig braucht es Strukturen und Angebote für betroffene Mitarbeitende, an die sie sich vertrauensvoll hinwenden können und wo sie Unterstützung erfahren. Jede Beschwerde muss ernst genommen werden und konkrete Maßnahmen zum Schutz der Person ergriffen werden. Geht die Diskriminierung von Kolleg*innen aus, müssen arbeitsrechtliche Maßnahmen ergriffen werden. Aber als Arbeitgeber*in muss ich auch auf die institutionelle Ebene schauen und diese untersuchen: Wo und wie geschehen beispielsweise Ausschlüsse oder Benachteiligungen durch interne Verfahren und Regelungen? Wie divers ist eigentliche unsere Belegschaft? Das sind dann tiefgreifende Themen, die sich nicht in einem Workshop lösen lassen, sondern einen diskriminierungskritischen Organisationsentwicklungsprozess brauchen.

Wie kann ich Betroffene unterstützen?

Zuhören, ernst nehmen, zur Seite stehen, Haltung zeigen bei diskriminierenden Äußerungen z.B. diese im Konflikt bezeugen. Die meisten Betroffenen haben verständlicherweise große Unsicherheit das Thema anzusprechen. Wer wird mir glauben? Was habe ich für Rechte? Wie wird meine Beschwerde aufgenommen werden? Womit muss ich rechnen? Was sagen die Kolleg*innen dazu? Habe ich dann überhaupt noch eine Zukunft im Unternehmen? Mit all diesen Fragen und Ängsten kann sich die betroffene Person an Antidiskriminierungsberatungsstellen wenden, die unabhängig und vertraulich arbeiten.  Leider gibt es noch längst nicht überall in Deutschland diese speziellen Beratungsstellen, aber wir als Dachverband verweisen auf unsere Mitgliedsorganisationen und arbeiten dafür, dass sich das in Zukunft ändert.

Wo kann ich mir selbst als Unternehmen Unterstützung suchen, wenn ich gegen Diskriminierung vorgehen möchte?

Es gibt mittlerweile diskriminierungskritische Organisationsberatung, wenn auch noch nicht sehr lange.

Der advd ist Teil des Kompetenznetzwerk Antidiskriminierung und Diversitätsgestaltung, in dem das auch ein Thema ist. Unser Kooperationspartner RAA Berlin bietet dahingehend Beratung an und wir können als erster Ansprechpartner auch auf Kolleg*innen verweisen.

Vielen Dank für das informative Interview, Frau Andrades!

Hier geht es zur Website des Antidiskriminierungsverband Deutschland.

Photo by Lina Kivaka from Pexels

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