Diversität im Team – positiver Einfluss auf erfolgreiche Integration und langfristigen Unternehmenserfolg

Heute darf ich Baris Senay interviewen, der im Sozialunternehmen jobs4refugees für Vertrieb und Unternehmenskontakte verantwortlich ist. Schön, dass es geklappt hat! 

Kannst Du Dich und jobs4refugees kurz vorstellen?

Jobs4refugees ist eine gemeinnützige Organisation. Unser Ziel ist es, Geflüchtete auf dem Weg in Arbeit und Ausbildung zu unterstützen und ihnen somit die Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Wir arbeiten vor allem in den Metropolregionen Berlin-Brandenburg und Frankfurt a.M.

Wir unterstützen Unternehmen in allen Fragen rund um die Beschäftigung von Geflüchteten, um ein nachhaltiges Arbeitsverhältnis zu fördern. Für Unternehmen suchen und finden wir geeignete Kandidat*innen zur Direktvermittlung und bieten auch Zeitarbeitsmodelle an. Nach der erfolgreichen Anstellung stehen wir als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Um Geflüchtete optimal auf den Berufseinstieg vorzubereiten, bieten wir Workshops und Bewerbungstrainings an. Damit wollen wir ihnen den formalen Bewerbungsprozess näher bringen und zugleich kulturelle Hürden überbrücken.

Wir verstehen Arbeit als den entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer gelingenden Integration.

Ich bin seit Mitte 2019 bei jobs4refugees für Vertrieb & Unternehmenskontakte zuständig. Bei jobs4refugees kann ich sowohl meine Leidenschaft für Migration und Integration als auch meinen akademischen und beruflichen Hintergrund einbringen. Hier kann ich mit einem tollen Team geflüchteten Menschen neue Perspektiven geben und sie dabei unterstützen, in Deutschland anzukommen.

Ihr habt ja schon einige namhafte Kunden in eurem Portfolio. Kannst Du uns etwas dazu erzählen, wie ein solcher Einstellungsprozess auf Unternehmensseite abläuft? Wie funktioniert die Kooperation zwischen Euch und den Unternehmen?

Wir bieten zwei Modelle der Vermittlung an: Direktvermittlung in eine vorhandene Stelle im Unternehmen und soziale Zeitarbeit über unsere Tochter Avenir. In beiden Fällen sprechen wir mit den Personaler*innen zuerst die Bedarfe und Anforderungen an die Kandidat*innen. Neben dem klassischen Tätigkeitsprofil und den Rahmenbedingungen interessieren wir uns dafür, welche Erwartungen und Erfahrungen das Unternehmen mit der Einstellung Geflüchteter hat. Die Personaler*innen werden von uns kompetent beraten. Wir möchten mögliche Zweifel nehmen und erfolgreiche Einstellung anbahnen.

Wir bieten zwei Arten der Zusammenarbeit in der Direktvermittlung. Bei der exklusiven Zusammenarbeit mit uns bieten wir Unternehmen:

  • Erstellung eines detaillierten Anforderungsprofils
  • Stellenausschreibung über unsere Website und Facebook (>23.000 Personen)
  • Selektive Vorauswahl und qualifizierte Shortlist
  • wir sind persönliche Ansprechpartner*innen für Bewerber*in und Arbeitgeber*in, auch lange nach Einstellung

Bei der entgeltfreien Zusammenarbeit vermitteln wir ausschließlich Kandidat*innen aus unserem bereits bestehenden großen Pool an Bewerber*innen. Wir erstellen für die Personaler*innen eine Shortlist mit passenden Profilen.

Zusätzlich bieten wir über unsere gemeinnützige Zeitarbeitstochter Avenir die Erprobung der Zusammenarbeit mit Bewerber*innen. Wir übernehmen Arbeitgeberkosten, bürokratische Verpflichtungen und Lohnbuchhaltung. Das Unternehmen zahlt nur für geleistete Arbeit, d.h. im Falle von Krankheit, Urlaub und Feiertagen übernehmen wir. Außerdem bieten wir unseren Zeitarbeitskräften wöchentliche Gespräche als Mentoring an. Damit fördern wir die erfolgreiche Integration im Unternehmen.

Neben der Vermittlung bieten wir auch ganzheitliche Beratungen zur Anstellung von Geflüchteten und begleiten Unternehmen langfristig bei der erfolgreichen Integration geflüchteter Kolleg*innen.

Wie unterstützt ihr die Bewerber im Prozess?

Wir unterstützen Geflüchtete von der ersten Orientierung auf dem Arbeitsmarkt über die Bewerbungen und auch während der Anstellung.

Für Geflüchtete bieten wir unsere berufsvorbereitenden Workshops für ausgewählte Branchen an, z.B. Gastro, Pflege, Verkauf uvm. Während des Workshops erhalten Unternehmen die Möglichkeit sich vorzustellen. Unternehmensbesuche finden auch sehr häufig statt und geben unseren Bewerber*innen einen direkten Einblick in den Arbeitsalltag. Im Workshop bieten wir ihnen auch einen Einstieg in kulturelle und rechtliche Facetten des deutschen Arbeitsmarkts. Neben Themen wie Arbeitsrecht sprechen wir auch über den Umgang mit häufigen interkulturellen Herausforderungen. Gemeinsam mit Ehrenamtlichen u.a. in Kooperation mit Accenture und EY Deutschland erstellen sie ihre Bewerbungsunterlagen und trainieren für Bewerbungsgespräche. Beim Speed Dating mit Personaler*innen erhalten die Teilnehmenden die Gelegenheit in kurzen Bewerbungsgesprächen ihre Kompetenzen und Interessen darzustellen. Meistens folgen daraus direkt Angebote zum Probearbeiten bzw. Einstellungen.

In individuellen Beratungen entwickeln wir gemeinsam mit den Geflüchteten berufliche Optionen in ihrer neuen Heimat, identifizieren ihre beruflichen Potenziale und erstellen ihre Profile. Damit nehmen wir sie in unsere Datenbank auf und stellen ihre Profile passenden Unternehmen vor. Auch nach Einstellung stehen wir ihnen für arbeitsmarktrelevante Themen mit Beratung zur Verfügung.

Was könnte ich als Personalerin für Unterstützung erwarten? An welchem Punkt übernehme ich?

Als Personalerin möchte ich dir schnell die richtigen Kandidat*innen vermitteln und dich gut bzgl. der Anstellung und Integration Geflüchteter beraten. Du erhältst von uns vorausgewählte Profile von Bewerber*innen, die deinen Anforderungen und Wünschen entsprechen.

Die meisten unserer Bewerber*innen verfügen über eine Aufenthaltserlaubnis mit einer unbeschränkten Berechtigung zur Erwerbstätigkeit und können sofort wie inländische Arbeitnehmer*innen eingestellt werden. Falls für eine*n Bewerber*in eine Beschäftigungserlaubnis beantragt werden muss, unterstütze ich dabei. Ich bereite die Dokumente für die Beantragung beim Berliner Landesamt für Einwanderung vor und dann geht alles seiner Wege.


Die Auswahl der Kandidat*innen und die Bewerbungsgespräche liegen voll in deiner Hand. Du als Personalerin weißt am besten, wer auf die Stelle im Unternehmen passt. Für zusätzliche Einschätzungen und Fragen habe ich immer ein offenes Ohr.

Auch nach Einstellung stehe ich dir weiterhin als Ansprechpartner zur Verfügung. Darüber hinaus bieten wir ganzheitliche Beratungsangebote, die individuell für dich und dein Unternehmen entwickelt werden.

Wow, das klingt super! Werden Kosten für die Vermittlung fällig? Wer trägt diese?

Bei einer exklusiven Zusammenarbeit veranschlagen wir nach erfolgreicher Vermittlung eine Verwaltungsgebühr in Höhe von einem Bruttomonatsgehalt an. Zuvor entstehen keine Kosten.

Bei ANÜ/Zeitarbeit arbeiten wir mit einem Zeitarbeitsfaktor von 1,75. (Ein Beispiel: Bei einem Stundenlohn von 12,00 € der Arbeitskraft beträgt der Verrechnungssatz für Unternehmen 21 € netto – ohne weitere Kosten oder Abgaben.)

Für unsere Beratungen und ganzheitliche Begleitung der Arbeitsmarktintegration erstellen wir dir gerne ein individuelles Angebot.

Das scheint auch für kleinere Unternehmen mit wenig Budget super machbar zu sein. Toll! Darf ich fragen, wie Ihr das Projekt finanziert?

Als gemeinnützige Organisationen finanzieren wir uns neben Aufträgen von Unternehmen über Spenden von Privatpersonen sowie Stiftungen und Unternehmen, u.a. der Western Union Foundation und der Deutschen Postcode Lotterie. Unternehmen wie Accenture und EY unterstützen uns durch den ehrenamtlichen Einsatz ihrer Mitarbeitenden. Außerdem setzen wir gemeinsame Projekte mit Partnern um, u.a. mit dem International Rescue Committee und dem Europäischen Sozialfonds.

Wir freuen uns über jede Form der Unterstützung. Jede Spende zählt!

Gibt es typische Branchen oder Berufe, in die Ihr vermittelt oder ist das ein ganz bunter Blumenstrauß?

Die Bezeichnung bunter Blumenstrauß trifft es am besten! Unser Schwerpunkt liegt auf:

  • Lager/Logistik
    • Fahrdienste (Taxi- und Kurierdienste)
    • Verkauf/Einzelhandel
    • Sicherheit/Wachschutz
    • Gastronomie/Hotellerie
    • Pflege

Wir vermitteln auch diverse Stellen in IT & Tech, z.B. Software Engineering, Data Science, QA, im Bereich Sales, Business Development, Customer Support aber auch Handwerk und Baugewerbe. Ein besonderes Highlight war in diesem Jahr eine Stelle als Schneider*in für ein großes italienisches Modeunternehmen.

Habt ihr nach der Einstellung noch Kontakt zu Bewerbern und Unternehmern? Von welchen Erfahrungen berichten sie Euch?

In der Regel halten wir langfristig Kontakt zu Bewerber*innen und Unternehmen. Wir stehen bei allen Fragen rund um Einstellung und Onboarding zur Verfügung.

In Unternehmen gibt es oft ein großes Interesse an der Einstellung Geflüchteter und gleichzeitig viele Fragen, was zu beachten ist. Genau an dieser Stelle ist jobs4refugees die richtige Ansprechpartnerin, um mit Unternehmen mögliche bürokratische oder kulturelle Herausforderungen zu nehmen. Unsere Partnerunternehmen berichten häufig begeistert von der hohen Einsatzbereitschaft und positiven Energie, die unsere Bewerber*innen mitbringen.

Wie bei allen Arbeitsverhältnissen kommt es auch mal dazu, dass es keine gute Passung zwischen Unternehmen und Arbeitnehmer*in gibt und das Beschäftigungsverhältnis in Frage gestellt wird. Doch bevor es zu einer Kündigung kommt, möchten wir beratend zur Seite stehen.

Geflüchtete Menschen erleben beim Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt häufig einen Kulturschock. Der ist natürlich unterschiedlich stark, doch eine gewisse Sensibilität dafür wünschen wir uns im Unternehmen. Aus diesem Kulturschock ergeben sich Fragen und die Eingewöhnung dauert auch mal etwas länger, als bei neuen Kolleg*innen mit Arbeitserfahrung in Deutschland. Viele unserer Bewerber*innen machen gemeinsam mit uns nach langer Beschäftigungslosigkeit die ersten Erfahrungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. In unseren Workshops und Beratungen gehen wir auf diese Situationen sensibel ein.

Eine große Herausforderung für zugewanderte Arbeitskräfte in Deutschland ist die Anerkennung von Qualifikationen und Arbeitserfahrung. Verständlicherweise sind Bewerber*innen davon teilweise frustriert, da sie dadurch häufig in Jobs landen, für die sie überqualifiziert sind. Wir möchten in Beratungen gemeinsam mit ihnen Perspektiven entwickeln, wie ihre berufliche Zukunft aussehen kann. Wir möchten realistische Optionen bieten und gleichzeitig ihre Fähigkeiten wertschätzen.

Die große Mehrheit unserer Bewerber*innen ist sehr dankbar über erste Berufserfahrungen in einem neuen Land und freut sich in einem deutschsprachigen Umfeld zu arbeiten. Ein zuverlässiges Arbeitsverhältnis ist aus unserer Erfahrung ein Integrationsbeschleuniger sowohl für Geflüchtete als auch für Unternehmen.

Gab es besondere Erfolgsgeschichten?

In unserem Team feiern wir jede Vermittlung als besondere Erfolgsgeschichte. Aufgrund unseres engen Kontakts mit Bewerber*innen wissen wir, welche Bedeutung ein neuer Job in ihrem Leben hat. Besonders schön ist es, wenn Bewerber*innen genau die Stellen bekommen, die sie sich wünschten!

Ein tolles Beispiel ist die Geschichte von Hasmik. Die 26-jährige Armenierin hatte in ihrer Heimat Lehramt studiert, bevor sie nach Berlin kam. Ihr Studium wurde ihr nicht anerkannt. Hasmik wollte daher unbedingt in einem renommierten Hotel arbeiten. Trotz sehr guter Deutschkenntnisse, herausragender Englischkenntnisse und Erfahrung in der Hotellerie fand sie lange keinen Job in der Berliner Hotellandschaft. Wir organisierten mehrere Interviews in angesehenen Hotels für sie. Bei ihren ersten Interviews auf Deutsch fühlte sich Hasmik sehr unsicher. Nach einigen erfolglosen Interviews hat mein Kollege Johann mehrere Gesprächssituationen mit ihr erprobt. Kurz darauf überzeugte Hasmik dann im Gespräch bei The Ritz-Carlton. Seitdem arbeitet sie dort im Service. Hasmik und ihre Vorgesetzten im The Ritz-Carlton sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit.

Gibt es typische Schwierigkeiten bei der Vermittlung? 

Wir konkurrieren natürlich mit anderen Vermittlungsagenturen. Wie bereits erwähnt, fehlt unseren Bewerber*innen im Vergleich zu inländische Bewerber*innen oft die offizielle Qualifizierung oder nachgewiesene Arbeitserfahrung. Bewerber*innen mit Fluchterfahrung sind damit leider oft benachteiligt, da sie noch nicht so lange im Land sind. Wir stellen daher teilweise fest, dass die meisten unserer Bewerber*innen nicht zum Interview eingeladen werden. Da wünschen wir uns etwas mehr Mut und Zuversicht in den Personalabteilungen.

Was kann ich als Personalerin oder als Entscheiderin im Unternehmen tun, um die Integration zu erleichtern?

Ich denke, egal woher eine neue Kolleg*in kommt, ist das Ankommen in einem neuen Job immer mit individuellen Erfolgen und Herausforderungen bestückt.

Für geflüchtete Menschen ist die Jobsuche aufgrund von sprachlichen, bürokratischen und kulturellen Hürden oft eine besondere Herausforderung im Vergleich zu Menschen, die in Deutschland geboren wurden. Das Wissen um diese Umstände und ein sensibler Umgang damit als Personalerin und Entscheiderin sind meiner Erfahrung nach das beste Fundament.

Die bestehende Unternehmenskultur und Diversität im Team haben unserer Erfahrung nach einen großen Einfluss auf die erfolgreiche Integration und wie Studien zeigen auch auf den langfristigen Unternehmenserfolg. Besonders positiv wirkt sich auch die Stärkung interkultureller Kompetenzen gerade bei Führungskräften bzw. auch des gesamten Teams aus. Unsere Bewerber*innen verfügen aufgrund ihrer Flucht und ihrer neuen Lebensumstände bereits über sehr hohe interkulturelle Kompetenzen. Eine gegenseitige Öffnung fördert die Teamentwicklung und damit die erfolgreiche Zusammenarbeit. Wir beraten Personalerinnen und Entscheiderinnen gerne zu diesen Themen und bieten auch Trainings in diesen Bereichen an.

Was würdest du dir aus deiner Position von Unternehmen oder Personaler*innen in Deutschland wünschen?

Wir erleben tatsächlich sehr viel persönliche Offenheit bei unseren Partnerunternehmen. Doch noch zu selten spiegelt sich diese Offenheit in den geschäftlichen Entscheidungen wieder. Lücken in der Erwerbsbiografie von Geflüchteten lassen sich in der Regel nicht vermeiden. Dafür sollten Personaler*innen sensibilisiert sein und in ihre Entscheidungen zur Stellenbesetzung einfließen lassen.

Außerdem sind wir alle nicht frei von Bias und unbewussten Vorbehalten. Eine Frage, die sich jede*r von uns einmal stellen kann, ist: “Wie reagiere ich, wenn ich einen Lebenslauf mit einem ‘ausländischen’ Namen sehe?” Studien belegen, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung leider negative Vorurteile hat, die unbewusst unsere Entscheidungen beeinflussen. Doch wir sind dem nicht ausgeliefert, sondern können uns aktiv damit auseinandersetzen und neue, positivere Denkmuster schaffen. Ich wünsche mir mehr Reflektion dieser Vorbehalte und auch Gespräche darüber in deutschen Unternehmen.

Vielen Dank für die vielen Informationen und das spannende Interview, Baris! Wir wünschen euch alles Gute und viel Erfolg für die Vermittlung und somit die Förderung der Integration sowie der Diversität in Unternehmen.

Hier geht es zu Jobs 4 Refugees.

Hier findet ihr die soziale Zeitarbeitsfirma Avenir.

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